Melanie Blattner, eine unserer Organistinnen, schenkt uns ihre Gedanken zum 4. Advent.

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Es kommt ein Schiff, geladen
Bis an sein höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft‘ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren:
Gelobet muss es sein.

(GL 236, Strophen 1-4)

4. Advent und nur noch wenige Tage bis Weihnachten: Betrachten wir heute ein Lied, das im alten Gotteslob und im evangelischen Gesangbuch unter den Adventsliedern, im aktuellen Gotteslob als erstes Weihnachtslied abgedruckt ist: „Es kommt ein Schiff geladen“. Ursprünge des Textes gehen bis in das 15. Jahrhundert zurück. Der erste Abdruck der Melodie stammt aus dem Jahre 1608.

Das verwendete Motiv ‚Schiff‘ hat eine jahrtausendalte Geschichte in der Bibel, spielt doch die Arche Noah eine wichtige Rolle beim ersten Bund, den Gott mit uns schloss. Den neuen Bund schloss Gott durch Jesus mit uns. Daran erinnern wir uns in der Feier der Eucharistie.

Bedenkt man die Rolle der Schifffahrt im 15. und 16 Jahrhundert, gewinnt der Text eine noch tiefere Bedeutung. Es wurde Handel mit weitentfernten Ländern betrieben. Die Güter waren entsprechend wertvoll. Des Weiteren war es das Zeitalter der Entdecker. Menschen machten sich auf den Weg ins Ungewisse, um neue, unbekannte Gebiete zu erforschen. (Auf die negativen geschichtlichen Aspekte sei an dieser Stelle nicht eingegangen, waren sie den Menschen und Textern des Liedes damals vermutlich nicht bekannt.)

Gott bewegt sich also auf uns zu. Die ersten drei Strophen kündigen die Geburt Jesu an. Textelemente beziehen sich auf den Prolog des Johannesevangeliums: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1, 14).
Die Wende hin zu Weihnachten kommt in der vierten Strophe („Zu Bethlehem geboren“). Im Englischen gibt es ein beliebtes Weihnachtslied aus dem 17. Jahrhundert, welches dasselbe Motiv verwendet („I saw three ships“ – Ich sah drei Schiffe) und durch die verwendete Vergangenheitsform die erfolgte Ankunft und damit Weihnachten verdeutlicht. Übrigens wird dieses Lied in den beiden Christmetten am Heilig Abend zur Gabenbereitung zu hören sein.

Beiden Liedern gemein ist der wiegende Dreivierteltakt, der das Schaukeln des Schiffes durch die Wellenbewegungen des Meeres körperlich spürbar werden lässt. Durch den Taktwechsel in der zweiten Hälfte unseres Liedes kommt Bewegung in die Sache. Auch die Tonart verändert sich. Gott ist in Bewegung. Auch wir sind aufgefordert, das Kirchenschiff, also uns, in Bewegung zu setzen – vom glückseligen Zustand hin zur Handlung. Davon handelt auch ein zeitgenössisches Lied („Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“), das vielen bekannt sein dürfte. Eine Rückkehr in den sicheren Hafen ist uns gewährt, gegen Ende kehrt das Lied wieder zur Ursprungstonart zurück.

Ich wünsche uns allen ein glückseliges und bewegendes Weihnachtsfest in der Gewissheit, dass Gott uns voll Gnade und Liebe nahe kommt!